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mehr als Spiel

Friedrich von Mansberg: «Mehr als Spiel» – das klingt danach, als wollten wir uns darüber bewusst werden, dass unsere Aufgabe nicht
nur in guter Unterhaltung liegt, sondern dass wir uns in unserer Arbeit auch den Realitäten jenseits des Spiels stellen wollen. Welche Gedanken habt Ihr zu diesem Motto?

Hajo Fouquet: Theater ist mehr als Spiel. Da sind zum einen unsere Projekte für alle Gruppen der Gesellschaft, so auch für und mit Senioren, Kindern und Geflüchteten, zum anderen unsere Beschäftigung mit dem Menschen, seinen Stärken, seinen Schwächen und Nöten. All dies und vieles mehr sind doch auch wesentliche Inhalte unserer Arbeit.

Olaf Schmidt: Aber unterschätzt das Spiel nicht! Machen wir jetzt ernst? Nein! Wir spielen doch nur – im besten Fall. Und das ist das Schöne! Wir haben die Möglichkeit, immer noch zu spielen, den Gedanken freien Lauf zu lassen, den Zuschauer anzuregen, aufzufordern zum Spiel mit den Gedanken. Auch wenn wir uns auf die Suche begeben, spielen wir nur. Wenn wir nicht mehr spielen, sind wir verloren.

Sabine Bahnsen: Eine belgische Kollegin hat einmal einen schönen Satz gesagt, den ich hin und wieder raushole, um ihn neu zu betrachten: «What does it add to reality? – Was fügt Theater unserer Realität hinzu?» Eine Frage, die ich gerade für das Kinder- und Jugendtheater wichtig finde – denn anders als Film und Fernsehen tun wir hier mehr als eine vermeintlich genaue Abbildung der Wirklichkeit vorzugaukeln.

Hilke Bultmann: Womit wir im Schauspiel umgehen dürfen, ist erst einmal schön: mit Literatur, Sprache, Geschichten und Figuren. Wir erzählen über das Leben, früher und jetzt. Mittels des Spiels erkunden wir, was alles darinnen liegt – und das ist jeden Abend neu die gemeinsame Reise von Theaterleuten und Zuschauern wert.

Thomas Dorsch: Für mich steht natürlich die Musik im Zentrum. Und Musikmachen ist mehr als Spiel, es ist Erfüllung von Wünschen – für Zuhörer und Spieler.

FvM: Das klingt nach berührenden Erkenntnissen, nach einem spannenden Weg gemeinsam mit dem Publikum. Was sind die inhaltlichen
Kernpunkte der von Euch geplanten Produktionen in der neuen Spielzeit? Gibt es Besonderes oder Neues? Wo sind Eure Schwerpunkte, worin liegen die größten Herausforderungen?

OS: Eine Herausforderung, auf die ich mich besonders freue, ist die tänzerische Umsetzung eines Romans von Per Olov Enquist in der Zusammenarbeit mit Thomas Dorsch als Komponisten zum großen Ballettabend. Ein tolles Projekt. Aber genauso herausfordernd wird die
Musiktheaterproduktion SCHLAFES BRUDER mit den Kantoreien, Solisten, Chor und Ballett zu Robert Schneiders Roman. Beide Bücher sind ungewöhnlich spannend und könnten konträrer nicht sein.

HB: Hamlet und Effi Briest sind unsere klassischen Figuren, Frau Müller, Bettie, Adam und viele andere die modernen. Sie alle verbindet
das große Gefühl, die großen Themen: Liebe und Hass, Leben und Tod, Ethos und Verworfenheit – schlicht: Sie sind Menschen, die hoffen und erschaffen, die aber auch neiden und zerstören. Der Mensch und mit ihm die Gesellschaft, das ist unser Gegenstand.

HF: Stimmt. Für mich gilt das besonders für die Eröffnung: Verdis OTELLO ist nicht nur ein großartiges Werk der Opernliteratur, es behandelt im Kern auch die Zerrissenheit eines Menschen in einem Land, in dem er immer ein Fremder bleiben wird. Otello zählt zu den eindrucksvollsten Bühnenfiguren, die uns Shakespeare, dessen 400. Todestag wir mit insgesamt drei Premieren ehren, schenkte.

SB: Das «Kernstück» des Spielplans im T.3 ist sicher DER JUNGE MIT DEM KOFFER, eine brandaktuelle und dennoch auch mit Poesie verwobene Geschichte über einen Jungen, der sich auf der Flucht alleine durchschlagen muss. Und dann ist da noch ein Jugendstück, das größtenteils in Versen geschrieben und trotzdem voller Action, Liebe, Witz und eben Poesie ist, denn um diese geht es im CYRANO in hohem Maße!

TD: Ich denke an die Zusammenarbeit in und mit unserem Orchester, den Lüneburger Symphonikern: Unsere tägliche Herausforderung, aber auch unsere tägliche Belohnung ist es, durch Erreichung von Präzision im gemeinsamen Musizieren Grenzen zu überwinden und Freiheiten zu entdecken.

FvM: Ich mag den Gedanken sehr, dass gutes Theater die richtigen Fragen stellt und nicht so sehr Antworten zu geben versucht. Welche
Fragen habt Ihr an das Theater? An unser Theater? Unsere Kunst?

OS: Vertrauen wir wirklich genügend der Neugierde unseres Publikums? Womit können wir das Publikum wirklich faszinieren, in Staunen versetzen, es mit unserer Kunst überraschen? Manchmal frage ich mich: Bedienen wir nicht zu viel?

HB: Wir müssen uns bei allem, was wir tun, fragen, wo wir selbst stehen, wie wir uns zu dem Erzählten verhalten, wo unsere Verantwortung für den Text, die Figur, das Theater liegt. Das kann sehr komisch sein oder bitterernst. In jedem Fall ist es immer mehr als Spiel.

HF: Ja. Fragen stellen. Hier sehe ich die große Aufgabe und Chance von Theater: Geist, Seele, Verstand und Herz in Schwingung zu versetzen, wie es auf so wunderbare Art die Bühnenkunst vermag. Dass dies gelingen möge, dafür steht jeder Einzelne von uns, oder?

SB: «What does it add to reality?» Im Ernst: Ich finde es wichtig, dass Theater diese beiden Pole behandelt: zum einen die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit – und zum anderen unbedingt eine Poetisierung dieser Wirklichkeit. Phantasie, Sprache und, hoffentlich, frische Luft, die mir ins Gehirn gepustet wird, wenn ich im Theater sitze. Das macht das neue Jahr im T.3 aus.

TD: Das größte Geschenk, welches Kunst insbesondere in einem Theater geben kann, ist der ständige Austausch. Die Entwicklung einer
Konzeption und immer wieder die Bereitschaft schon fixierte Ideen aufzugeben, um sie durch neue Anregungen zu ersetzen, das ist das Wunderbare an unserer gemeinsamen Theaterarbeit.

HF: Diese gemeinsame Arbeit ist wunderbar. Sie macht uns aus! Ich bin mir sicher, daraus entsteht eine großartige neue Theatersaison
mit Herz, Seele und Verstand und allen großen Themen, die uns als Menschen heute bewegen.